DAS SIND EURE „SCHILLER / PLATZ / STORIES“

Vor einigen Wochen haben wir euch online aufgerufen und gefragt: Welche Geschichte oder Anekdote verbindet ihr mit dem Schillerplatz?

Das Ergebnis lest ihr nun hier: 14 Geschichten aus dem Leben von Menschen, die diesen Platz lebendig werden lassen. Denn Stadträume sind so viel mehr als die Steine, aus denen Sie gebaut sind: Sie sind gelebter Raum, in dem Geschichten schlummern, die die meisten von uns gar nicht kennen.

Für ihr Masterstudium erforscht MG anders sehen Teammitglied Lara genau solche Stadträume („urban spaces“) und die ihnen innewohnenden, unsichtbaren Geschichten („stories“) – am Beispiel des Schillerplatzes in ihrem Wohnviertel. Dank der Geschichten-Spender:innen können wir nun einen Ausschnitt dessen erhaschen und lesen, was in diesem „urban space“ alles schlummert. Es ist ein kleiner Tropfen im Meer der Geschichten und Erinnerungen. Taucht für einen Augenblick mit uns ein.

Schillerplatz 2022, Foto: Hannah von Dahlen

„Der gute alte Schillerplatz. Er wirkt im Winter eher trist und unscheinbar, war vor einigen Jahren noch ein Ort, an dem man sich nicht so gerne aufgehalten hat. Nicht zuletzt wegen des jährlichen Greta Marktes ist der Schillerplatz seit einiger Zeit wieder in ein besseres Licht gerückt worden. Das „alte“ neue Gewand steht ihm sehr gut, denn spätestens im Frühjahr, wenn die Tage heller werden, kehrt auch das Leben wieder an diesen Platz zurück. Ich selbst habe im letzten Sommer meinen Geburtstag dort „gefeiert“. Mit Bierchen vom Kiosk und kulinarisch direkt vom Umkreis versorgt. Pizza, Gyros, Pommes, griechische Konditor-Leckereien von Viktoria oder etwas gediegener im van Dooren, hier ist definitiv was los. Was mich jedoch am meisten an diesem Platz fasziniert: er ist ein Ort der Zusammenkunft und Begegnung. Meiner Meinung nach in den Pandemiezeiten noch mehr als vorher schon. Ob ein flottes Feierabendbier oder einfach nur frische Stadtluft zum runterkommen. Wunderbar. Im Sommer finden spontane Konzerte statt und Sänger:innen werden selbstredend gratis und genauso spontan mit Getränken vom Salonika oder vom van Dooren versorgt. Ich hatte das ein oder andere mal ein richtiges Urlaubsgefühl. Mönchengladbachs beste Skater:innen treffen sich ebenfalls hier und zeigen ihr Können. Multikulturelle Begegnung mit Gyros-Duft zu Sirtaki-Klängen gepaart mit tösendem Gesang zur „Elf vom Niederrhein“ mit Skateboard-Geräuschkulisse. Toller Ort. Dieser Schillerplatz hier wird gelebt. Wir benutzen im Freundeskreis auch ein eigens kreiertes Verb, wenn wir uns zum „schillern“ treffen.“
(Timo)

Greta Markt 2018, Foto: Myriam Topel

„Damals als ich klein war, war der Schillerplatz ein verrufener Ort. Ich höre meine Mutter noch zu uns Kindern sagen „Meidet den Schillerplatz!“. Wir Kinder haben diesen deshalb, als wir klein waren, nie alleine überquert und auch wenn wir gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Weg zur Pommes Bude waren, sind wir eher drum herum als quer drüber gelaufen. Das war zwar ein paar Schritte länger, aber hat uns viele unschöne Begegnungen mit düsteren Personen auf dem Platz erspart. Eines Abends waren wir auf dem Weg dort hin, heute Abend sollte es Gyros geben. Es war schon dunkel. Mit unseren Tüten voll warmem Essen ging es wieder zurück nach Hause. Doch kurz nachdem wir voller Euphorie nach Hause strebten, kippte meine Schwester, keine 10 m weiter, ohne Vorwarnung um. Das war ein riesengroßer Schock für meinen Bruder und mich. Aber auch besonders für meine Mama. Ich sehe sie in Erinnerungen auf dem Boden neben meiner Schwester sitzen und nach ihr rufen. Ich glaube es war mir noch nie so Bang. Am Ende hat meine Mama meine Schwester Huckepack nach Hause getragen. Warum sie damals so plötzlich umkippte, wissen wir bis heute nicht. Aber ich denke oft an den Tag, an den düsteren Abend, an dem das passierte. Und auch wenn wir uns oft unter Geschwistern stritten, so hat dieser Abend am Schillerplatz unsere Liebe und die Angst, einander zu verlieren, verdammt groß gemacht!

Hätte mir damals zu der Zeit, als der Schillerplatz noch verrufen war, jemand erzählt, wenn du groß bist, wirst du eines deiner ersten Dates mit deinem zukünftigen Ehemann genau hier auf dem Schillerplatz haben, so wäre ich sicherlich sprachlos schockiert gewesen und hätte mir viele Fragen gestellt. Da ahnte ja noch niemand, dass Mamas mahnende Worte im Ohr irgendwann gar keinen Bestand mehr haben und dieser verrufene Ort ein geselliger Platz im Viertel werden würde. Und das fing bereits vor den Umbaumaßnahmen an. 

Während unserer Kennenlernzeit besuchten wir verschiedene Festlichkeiten auf dem Schillerplatz. Shoppten zu guter Musik auf dem Greta Markt und feierten das Viertelfest mit der Kaffeetafel die Kaiserstraße entlang. Wir denken immer wieder gerne an diese Zeit zurück und lassen die Erinnerungen in unseren Gedanken Revue passieren. Und hätte mir zu dem Zeitpunkt jemand gesagt, dass hier eine Liebesgeschichte entsteht, so hätte ich hierfür keinen besseren Ort für unsere ersten Dates finden können. Denn auch heute sitzen wir hier gerne in der Abendsonne, essen Pizza und genießen den bunten Schillerplatzvibe.“
(Laura)

Greta Markt 2017, Foto: Myriam Topel
Bunte Bänke 2021, Foto: Myriam Topel

„Es müsste so vor ca. 17 Jahren gewesen sein. Ich saß mit Karl vom damaligen Paks Skateshop auf einer der alten Bänke am Schillerplatz. Ich hatte ein Skatewerkzeug in der Hand und plötzlich zeigte sich, das dieses genau auf die Schrauben von den Holzabdeckungen der Granit Bänke passte 🙂 Wir warteten, bis die Dämmerung eintrat und schraubten alle ab … legten sie ins Gebüsch … wachsten die Kanten ein – und fingen an diese zu skaten. Der Rest ist Geschichte. Der Platz wurde ab diesem Tag mit Skateboarding und Streetlife gefüllt. Wir hielten den Platz sauber – brachten Besen mit – räumten auf! Junkies etc. hatten irgendwann nicht mehr so die Lust dort abzuhängen, weil es ihnen zu laut war … es kamen wieder Kinder und andere Menschen auf den Platz … ich würde sagen, das war damals der Schritt, das dort wieder schönes Leben stattfand. Der Platz hatte leider seinen Ruf von Straßengangs, den Schillerfightern, Junkies etc. Das Ordnungsamt war oft dort – scheuchte uns weg – Anwohner beschwerten sich – ich sprach beim Bürgermeister vor … dann wurde es geduldet … es entstanden Videos wie: Save the Schillerplatz. Die Neugestaltung sollte unter Beteiligung der Skateboarder umgesetzt werden – der Schuss ging aber seltsamerweise nach hinten los …“
(Maurice)

Skaterschuhe am Schillerplatz, Foto: Myriam Topel

Skaten auf dem Schillerplatz vor dem Umbau, Foto: Tim Korbmacher
Auch Jünter skatet auf dem Schillerplatz, Foto: Maurice Bröxkes

„Ich lebe jetzt seit bestimmt 7-8 Jahren in MG, weil ich damals fürs Studium hergezogen bin und habe natürlich so einiges an Geschichten und Abenteuern in und um Eicken erlebt, als ich Anfang 20 war und selbst im Viertel lebte. Als ich quasi schon halb mit MG abgeschlossen habe und eigentlich schon gedanklich dabei war wegzuziehen, lernte ich den Mann kennen, der seither so einiges in meinem Leben verändert hat. Nach einem langen Spaziergang, auf dem ich ihm die Ecken und Kanten Mönchengladbachs zeigen wollte, haben wir uns, schon ganz ungeduldig auf diesen Moment wartend, endlich zum ersten Mal geküsst. An einem wunderschönen sonnigen Frühlingsabend mit zwei Plastikbechern Rotwein und inmitten des üblichen Trubels von Skaten, Säufern, Anwohnern und Kindern. Ich hätte niemals gedacht, dass meine schönste Liebesgeschichte an diesem Ort anfangen würde, aber so wird mir der Schillerplatz auf alle Fälle ewig in Erinnerung bleiben <3“
(Iryna)

„Ich wohne erst seit knapp 3 Jahren in MG, aber seitdem hat sich der Schillerplatz zum echten Treffpunkt (Olympia-Grill und das Büdchen nebenan) für diverse Heim- und AW-Spiele unserer Borussia entwickelt. Der Schillerplatz ist an sich auch ganzjährig ein schöner Ort, der unser Viertel echt aufwertet. Ich mag den Schillerplatz!“
(Yannick)

Blick vom Olympia Grill 2020, Foto: Hannah von Dahlen
Olympia Grill-Pommes 2020, Foto: Hannah von Dahlen

„Mitte 2018 bin ich aus meiner WG nach Eicken gezogen. Nachdem ich eigentlich eine kleine Einweihung bei mir feiern wollte, wurde ich von den doch vielen Zusagen überrascht und habe spontan entschieden, die Einweihung auf den Schillerplatz zu verlegen. So kamen am Ende ca. 35 Personen an einem Samstag Abend auf den Schillerplatz. Mit Musik, Bier, Wikinger-Schach und einer Frisbee (wie so Hippies) wurden wir erst gegen 3 Uhr von der Polizei vom Schillerplatz vertrieben. Es ist nichts Tolles oder Großartiges passiert, aber so in der Retrospektive ist das für mich der Inbegriff dessen, was der Schiller für mich ausmacht: Zusammensein, gute Laune und miteinander ins Gespräch kommen – ein Treffpunkt für das Viertel.“
(Marius)

„Es gab viele legendäre Abende im Zorbas, an die ich bis heute mit Freude zurückdenke. Die meisten davon waren so schön und feuchtfröhlich, dass leider ein Großteil der Erinnerungen verschütt gegangen ist. Aber bis heute haben sie einen besonderen Platz in meinem Herzen.“
(Tobi)

Blick vom Zorbas auf den Schillerplatz, Foto: Hannah von Dahlen
Zorbas-Mezzedes, Foto: Hannah von Dahlen

„In einem Sommer habe ich als Urlaubsbetreuung auf einen Bordeaux-Doggen-Mix namens Sam aufgepasst. Nach einem Tag im Park sind wir noch zum Schillerplatz gegangen, um ein paar Freunde von mir zu treffen. Sam hat sich zwei Stunden lang von allen Freunden kraulen lassen und diesen Abstecher zum Schillerplatz wohl so genossen, dass er mich auch in Zukunft immer, wenn wir dort vorbeikamen, auf den Platz gezogen hat, in der Hoffnung, weitere Streichel-Einheiten zu bekommen.“
(Sören)

„Eines nachts, auf dem Rückweg aus der Altstadt, bin ich mit einer Freundin am Schillerplatz gestrandet. Ich musste Geld abheben und wir gingen in die Bankfiliale an der Ecke zur Kaiserstraße. Sie suchte schon die ganz Zeit ein Lied, dass sie mir unbedingt zeigen wollte und fand es, während ich am Automaten stand. Die Begeisterung über das wiedergefundene Lied, das sie lauthals übers Handy abspielte, der schöne Abend, die Getränke, die wir intus hatten, verwandelten den Bankvorraum in eine Disco. Wir tanzten minutenlang zur Musik und brüllten uns die Songtexte um die Ohren.“
(Jonathan)

„Ich saß mit ein paar Leuten am Schiller und irgendeine Skaterin, die mal wieder Stress mit dem Ordnungsamt hatte, sagte zu uns: „Passt auf, gleich kommen wieder die Sozialarbeiter vom Amt.“ Sie hatte das gerade zu einer Gruppe von acht Sozialarbeiter*innen aus der Stadt gesagt.“
(anonym)

Greta Markt 2018, Foto: Myriam Topel

„Vor vielen vielen Jahren war ich in Berlin auf dem Trödel am Boxhagener Platz und bin dort mit faszinierten, glänzenden Augen über den Platz gelaufen. Ich dachte damals: Wie schön das wäre, wenn sowas mal auf dem Schillerplatz stattfinden würde. Wenn ich heute über den Greta-Markt gehe, den Schillerplatz und die Gassen rauf und runter, und in die glücklichen Gesichter der Menschen blicke, dann weiß ich, dass ich mir damit einen großen Traum erfüllt habe. Und ich kann mit Sicherheit sagen, dass meine Augen dabei noch viel mehr glitzern als damals auf dem Boxhagener Trödelmarkt.“
(My)

Schillerplatz im Schnee 2021, Foto: Hannah von Dahlen
Trödelmarkt auf dem Schillerplatz 2017, Foto: Lara Valsamidis

„Kathrin und ich haben uns 2018 mit Freundinnen auf dem Greta-Markt verabredet. Wir saßen im van Dooren auf dem Schillerplatz. Es war ein heißer Sommertag und die Terrasse war brechend voll. Kathrin sagte auf einmal: „Wenn das mal abgegeben werden würde, dann könnten wir das ja machen!“ Das Szenario wiederholte sich 2019. Wieder Greta-Markt, wieder saßen wir draußen zusammen und wieder sagte Kathrin, sollte das van Dooren mal abgegeben werden, könnten wir das ja machen. Das war Anfang Juli. Als ich das meiner Schwester My erzählte, sagte sie: „Ja aber wenn ihr das doch gerne machen wollt, dann überlegt doch ganz konkret und fragt einfach mal an!“. 5 Wochen später hing ein Zettel an der Tür: „Wir schließen unser Geschäft.“ Kathrin schickte mir das Foto und dann haben wir uns ganz schnell zusammengesetzt und unsere Bewerbung fertig gemacht. Am Ende haben wir den Zuschlag bekommen und beide unsere Jobs nach 20 Jahren im Vertrieb an den Nagel gehängt. Es hat sich gut angefühlt, wir hatten Bock darauf und dann haben wir auch nicht lange gefackelt. Im Februar 2020 haben wir eröffnet.

Am Interieur haben wir gar nicht viel verändert. Alex, der das van Dooren vorher betrieben hat, war Innenarchitekt und hatte ein sehr gutes Händchen für die Einrichtung. Den Schiller beispielsweise hat er damals in die Wand gemeißelt. Wir haben auch seine alte Esszimmer-Garnitur übernommen, um von ihm weiterhin ein Stück hier im Raum zu haben. Es war für uns auch klar, dass der Name bleibt. Das gehört zu den Dingen, die das van Dooren ausmachen.

Der Name van Dooren stammt von einem Klaviergeschäft, das viele Jahre hier am Platz existiert hat. Wir hatten schon zwei ältere Damen zu Gast, die bei uns im van Dooren als Kinder ihre Klaviere ausgesucht und geschenkt bekommen haben. Ich hab wirklich mit Tränen in den Augen da gestanden, als sie mir das voller Freude erzählt haben. Das Klavier hier im Gastraum ist auch ein original van Dooren Klavier. Das haben wir stimmen lassen, es ist also spielbar. Wir hatten schon oft Gäste, die sich auch einfach mal daran gesetzt und etwas gespielt haben.

Unsere Außengastro haben wir vom ehemaligen Richard Wagner gekauft. Der Barhocker, der an der Werkbank steht, der ist auch aus dem Richard Wagner. Und das Pult, das wir vorne stehen haben, um die Gäste zu begrüßen, ist aus dem Alt-Eicken, das ja leider vor Kurzem abgerissen wurde. Bei uns haben die Sachen ein zweites Zuhause gefunden. Uns gefällt der Gedanke, ein wenig städtische Gastro-Historie bei uns zu haben. Wir sagen oft: Was wäre, wenn diese Möbel erzählen könnten.“
(Sandra)

Außenterrasse Van Dooren mit Blick auf den Schillerplatz 2021, Foto: Hannah von Dahlen
Friedrich Schiller im Van Dooren 2020, Foto: Hannah von Dahlen

„An einem Sonntag im Mai vor ein paar Jahren führte der Marathon am Schillerplatz vorbei. Die Veranstalter hatten auf dem Platz Tische und Bänke zur freien Nutzung aufgestellt und wir haben uns dann mit Freunden aus der Nachbarschaft verabredet, dort morgens gemeinsam zu brunchen. Mit Brötchen, Müsli, Kaffee, Sekt und Spargeltarte haben wir es uns gut gehen lassen und den verschwitzten Läufern motivierend zugerufen. Die Sonne brannte vom Himmel, Musik wehte über den Platz, es roch nach Urlaub. Es war einfach ein richtig schöner Tag.“
(Gudrun)

Streetknitting am Kriegerdenkmal auf dem Schillerplatz 2013, Foto: Hannah von Dahlen
Kriegerdenkmal auf dem Schillerplatz 2016, Foto: Hannah von Dahlen

„Wenn ich in meinem Viertel unterwegs bin, gehe ich immer über den Schillerplatz, auch wenn es ein Umweg ist. Das Leben darauf zu sehen, lässt mir jedes Mal ein Lächeln übers Gesicht huschen. Er ist die Herzkammer dieser großen Nachbarschaft, die ich so lieben gelernt habe. Sehr viele kleine und große Geschichten haben sich dort abgespielt. Das Leben halt. Eine davon muss sich vor ca. 8 Jahren ereignet haben. Ich hatte sie schon fast vergessen. Aber eine liebe Person, der ich auf Instagram folge, erinnerte mich daran. Sie antwortete mir auf eine Story, dass sie noch weiß, dass wir uns einmal „in echt“ unterhalten hätten, auf dem Schillerplatz. „Mein Sohn hat deinem Sohn damals das Mittagessen aus der Tupperdose weggenascht! Weißt du das noch?“ Es war ein heißer Tag, auf dem Schillerplatz fand ein Flohmarkt statt. Heiteres Gewusel hing in den Gassen und auf dem Platz. Und ihr Sohn hat meinem Sohn das Essen aus der Dose stibitzt. Wir lachten alle, scherzten. Unterhielten uns. Dann ging jeder des Weges. Ich hatte es beinahe vergessen. Aber jemand anderes nicht. Jemand anderes hat sich erinnert. Ein kleiner Splitter Erinnerung. Eine kleine Geste. Ein gefeierter Geburtstag. Ein Heimsieg. Eine besondere Begegnung. Eine lebensverändernde Entscheidung. Einfach nur ein lauer Sommerabend. Ein paar Minuten, ein paar Stunden. Viele tausend Leben, deren Wege sich auf diesem Platz gekreuzt haben. In der Herzkammer. Sie machen aus diesem Platz so viel mehr, als die Steine, aus denen er gebaut ist, es jemals könnten. Ich sammle daher keine Steine, ich sammle Geschichten. Damit die Menschen nicht nur die Steine sehen, sondern auch die Leben, die sie erwecken. Zwei Hände voll davon lest ihr hier. Mein Dank gilt allen Spender:innen für ihre Erinnerungen an die und aus der Herzkammer. Wir sehen uns auf dem Schillerplatz.“
(Lara)

Schillerplatz vor dem Umbau 2012, Foto: Hannah von Dahlen
Schillerplatz 1982, Foto: Stadtarchiv

Schiller / Platz / Stories ist eine Projektarbeit von Lara Valsamidis im Rahmen einer Seminarveranstaltung bei Dr. Elfie Vomberg für den Abschluss „Medienkulturanalyse M.A.“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. An dieser Stelle erfolgt ein kurzer Einblick in den wissenschaftlichen Rahmen der Projektarbeit.

Urbanem Raum ist ein Geflecht an Ereignishaftigkeit eingeschrieben, das in der Wahrnehmung der Stadt topografisch kaum sichtbar wird. Abseits der Benennung von Straßen, Brücken und Plätzen, der ein oder anderen Gedenktafel und vereinzelten Stolpersteinen, ist in der subjektiven Stadterfahrung kaum Möglichkeit, die unzähligen Geschichten zu erfassen, die sich im urbanen Raum ereignet haben oder die der urbane Raum nur als solcher in der Lage war, hervorzubringen.

In Rekurs auf Michel de Certeaus Unterscheidung von „place“ (lieu) und „space“ (espace) und seinem Konzept der „spatial stories“, die der Stadt durch die alltäglichen Handlungen ihrer Bewohner:innen wie ein unsichtbares Netz eingeschrieben werden und die aus bloßen Orten Räume erschaffen (de Certeau 1984), zielt die Idee der Projektarbeit darauf ab, diese Subjekt-Ereignisse eines städtischen Ortes sichtbar und für andere erfahrbar zu machen. Ein mit Henri Lefebvre gesprochener Repräsentationsraum („gelebter Raum“ oder „Raum der Benutzer“), der sich als relational, (…) wesenhaft qualitativ, im Fluss und dynamisch“ charakterisiert (Lefebvre 1974) findet sich im Wohnviertel meiner Wahlheimat Mönchengladbach: der Schillerplatz.

Die Projektarbeit „Schiller / Platz / Stories“ verfolgte das Vorhaben, anhand eines öffentlichen Aufrufs über den Online und Social Media Blog „MG anders sehen“ unterschiedliche Geschichten aus Nutzer:innen-Perspektive zum Schillerplatz zu sammeln und in Form dieses Blogbeitrags sichtbar zu machen. Jede*r war eingeladen, per Direktnachricht auf Facebook oder Instagram seine/ihre Schillerplatz-Story zu erzählen: eine Geschichte, mit der sich die Person in Relation zum urbanen „space“ setzt. Diese konnte kurz oder lang ausfallen, bedeutsam oder alltäglich sein. Das Ziel ist, ein kleines Stück Geschichten-Quilt medial zu verstofflichen, durch den die „stories“ eines „spaces“ sicht- und erfahrbar werden. Durch die Sichtbarmachung soll zur Produktion des Ortes (im Sinne Lefebvres) beigetragen werden. Wandlungs- Aneignungs- und Identitätsprozesse, die die Produktion des Schillerplatzes über die Jahre prägten, sollen durch diese Projektarbeit eine anreichernde Ergänzung erfahren.

Der „Schillersee“ 2014, Foto: Hannah von Dahlen
Lara Valsamidis

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