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Stadt Land Gladbach #1 – Frauenrunde

Das MG anders sehen – Projekt „Stadt Land Gladbach“ bringt dieses Mal unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Ecken Mönchengladbachs zusammen und befasst sich mit dem unserer Stadt ganz eigenen Phänomen des Spannungsfeldes aus urbanem Flair und provinzieller Idylle. Was macht Mönchengladbach besonders und liebenswert? Vier verschiedene Frauen unterschiedlichen Alters aus unterschiedlichen Bezirken der Stadt kommen ins Gespräch über das städtische und das ländliche Mönchengladbach.

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Sabine Pannhausen (links), Vera Funk (rechts)

Vera Funk, 54 Jahre alt, lebt schon viele Jahre in Stadtmitte. Mal die Ecke am Wasserturm, zuletzt in Eicken, demnächst einen Steinwurf vom Bunten Garten entfernt. „Ich mag an Mönchengladbach besonders die Ehrlichkeit der Leute, das kreative Potential, das Multikulturelle und das Unprätentiöse. Wir sind zwar Großstadt, aber mit Dorfcharakter. Nicht so schick wie in Düsseldorf, nicht so kumpelhaft wie in Köln. Das weiß ich sehr zu schätzen“, beschreibt Vera. In Eicken sei für sie vor allem die Initiative Gründerzeitviertel ein Startschuss für eine lebendige gemeinschaftliche Nachbarschaft gewesen. „Wir haben Aktionen geplant, wie das Fest zur Neueröffnung des Schillerplatzes und uns dabei sehr gut kennen gelernt.“ Auch Sabine Pannhausen, 34 Jahre alt, aus Bettrath, sieht in dieser Mischung die große Stärke ihrer Heimatstadt. „Ich mag es total, dass man in Mönchengladbach alles `auffer Türe´ hat, wie man hier so schön sagt.“ Für die Familiengründung stand zwar ein Wechsel von Stadtmitte ins ländlichere Bettrath an, aber es sei für sie sehr wichtig, die Innenstadt auf kurzer Distanz zu haben. Sie erinnere sich aber auch daran, wie die Anpassung an die nachbarschaftlichen Gepflogenheiten sie in amüsante Situationen brachte. „Einmal war ich im Vorgarten zugange, und ein Mädchen im Teenager-Alter ging an unserem Haus vorbei und grüßte mich. Ich hab mich zu Tode erschrocken!“ Eine nette Nachbarschaft, in der man sich kennt und miteinander herzlich auskommt, schätzt Jessica Comuth, 34 Jahre aus Eicken, auch in ihrem Viertel sehr. „ Es ist weder total unpersönlich, noch so supernah, was ich total mag. Ich komme aus einem sehr kleinen Dorf, wo jeder alles mitkriegt. Das war nicht meins. Aber die Nachbarschaft hier auf meiner Straße ist wirklich super, sehr entspannt.“

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Jessica Comuth (links), Susanne Böhm (rechts)

Susanne Böhm, 60 Jahre alt und seit Jahrzehnten in Hardt beheimatet, wertschätzt die Menschen um sie herum ebenfalls sehr. „Klar kennt jeder jeden, das ist einfach so. Aber man passt auch aufeinander auf und hilft sich gegenseitig. Trotzdem empfinde ich es als angenehmes Angebot. Man kann daran teilhaben, muss aber nicht.“ Dass sie in Hardt sozusagen in den Wald hineinfällt und so schnell im Grünen ist, ist ihr genauso wichtig, wie die schnelle Anbindung in die City. „Ich kann alles schnell erreichen. Man hat alles aufeinander. Das kann ich mir nicht besser vorstellen.“ Alle vier sehen darin für sich und ihren Lebensalltag einen entscheidenden positiven Faktor. Fragt man sie nach ihren Lieblingsorten, fallen fast genau die gleichen Ecken: das Grüne – Bunter Garten, Schloss Rheydt und Wickrath, die Niers, der Hardter Wald; das Städtische folgt in selber Häufigkeit: der Sonnenhausplatz, das Museum Abteiberg, der Schillerplatz, das Gründerzeitviertel, der Wasserturm, das Münster. Das geschäftige Treiben in den Fußgängerzonen, die kreativen und kulturellen Angebote, aber auch die Ruhe in den Randbezirken, Parks, Wäldern und auf Feldern. Alles nah beieinander in kontrastreicher Abwechslung. „Es gibt hier die typischen Großstadtdinge wie Kino, Theater, das bunte Treiben, aber eben auch diese Dörflichkeit: man kennt sich, hilft sich, ach ich hab noch was über, ich bring´s dir rüber – diese Mischung ist toll!“, schwärmt Jessica. „Und vor allem: es ist hier noch bezahlbar. Egal ob man städtisch oder ländlich etwas sucht“, ergänzt Sabine.

Auch wenn wir in dieser herzlichen und differenzierten Auseinandersetzung mit unserer Stadt merken, wieviel Gutes und Vorteilhaftes das Leben in Mönchengladbach ausmacht, so widerfährt der Stadt im Allgemeinen nicht nur Liebe – typische Klischees halten sich hartnäckig: das Dorf, das hässliche Entlein, hier geht nix. Dabei sprechen alle vier Frauen einstimmig von der spürbaren und sichtbaren Dynamik, die Mönchengladbach erfasst hat und von den Entfaltungsräumen, die sich den Menschen hier aktuell bieten. Ewiges gestriges Lamentieren bringe da niemanden weiter: „Was nutzt es, wenn man in der Stadt sitzt und meckert, macht doch was! Es gibt ja wirklich klasse Projekte und Initiativen hier.“ Um diese Entwicklung weiter zu stärken, sollten Verantwortlichkeiten in Politik und Verwaltung unbedingt wahrgenommen werden, so der Tenor. „Wichtig wäre, das Auflagen neue Projekte nicht verhindern. Vielmehr müsste Leuten mit Ideen der Weg freigemacht werden“, bemerkt Susanne. Und wie so oft im Leben werden Prozesse maßgeblich durch die Haltung den Dingen gegenüber beeinflusst. Am Ende bringt es Sabine treffend auf den Punkt: „Wir brauchen mehr Selbstbewusstsein. So wie andere Städte sich abfeiern, da können sich die Leute hier gerne eine Scheibe von abschneiden“. Zustimmungsbekundungen gehen durch die Runde.

Wir fassen also zusammen: weniger meckern, mehr freuen. Mehr wertschätzen, was passiert und was viele Aktive anpacken, um die Stadt nach vorne zu bringen. Mehr teilhaben, mehr beteiligen, und sei es bloß im Kleinen. Ein Rezept, dass wir an dieser Stelle nur weiterempfehlen können.

Idee & Konzeption: Lara Valsamidis & Hannah von Dahlen
Text: Lara Valsamidis
Fotos & Film: Hannah von Dahlen

Lara Valsamidis
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