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Reklame – Das Recht auf Ästhetik

Einmal schön für alle, bitte!
Dieser Streifzug durch Mönchengladbach erkundet das Verhältnis von städtischem Raum und der Gestaltung seiner Fassaden. Im Fokus dieser Auseinandersetzung steht speziell die Gestaltung von Reklame – wie wurde sie in den vergangenen Jahrzehnten konzipiert und angebracht? Und was verrät uns das über das gleichzeitige Verhältnis von Stadt als Lebens- und Handelsraum?

Zuerst kommt in diesem Zusammenhang die Frage auf, wessen Raum ist denn die Stadt überhaupt? Sie ist natürlich Einkaufs- und Handelszentrum, aber eben auch Lebensraum, Wohnsitz, Heimat. Sie ist ein öffentlicher Raum, aber auch ein privater Raum. Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf? Nicht ganz einfach zu beantworten, und gerade deshalb ein spannendes Feld, das es auszuhandeln gilt. Nicht zuletzt ist es auch Gegenstand unzähliger kultureller, ökonomischer und soziologischer Diskurse des vergangenen Jahrhunderts.

Begreifen wir die Stadt als ein Ort für alle, als ein Raum der Partizipation, der Begegnung, des Lebens und der Identität – der Heimat -, so muss man auch die Gestaltung als etwas begreifen, das alle betrifft. Wir besuchen die Stadt, wir wohnen in ihr, wir sehen jeden Tag ihr Gesicht. Und daraus kann man berechtigterweise ableiten, dass es auch nicht egal sein sollte, wie sie aussieht. Man kann dieses Feld von vielen Seiten aufziehen, von der Stadtplanung im Allgemeinen über die Sauberkeit bis zur inhaltlichen Struktur – was ist wo, in welchem Verhältnis stehen Parks zu Wohneinheiten zu Geschäften zu öffentlichen Einrichtungen zu Sportstätten, etc. Aber ganz konkret soll hier der Blick auf den Einzelhandel und seine Reklamegestaltung liegen.

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Leuchtstoffröhre: „Stoffe Zanders“

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Leuchtstoffröhre: „E. Challiot + Sohn“

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Leuchtstoffröhre: „Atlanis-Haus“

Die Entwicklung lässt sich anhand der letzten Jahrzehnte nachvollziehen. Und nimmt ihren Ausgangspunkt in den vielen fotografischen Beispielen, die sich in der dazugehörigen Fotoserie finden. Reklame und Werbung lag bestimmten ästhetischen Merkmalen zugrunde: sie ist mal raffiniert und humorvoll, mal elegant oder auch eher rustikal, aber gemeinsam haben sie alle, dass sie sich auf visuell ästhetische Weise ins Fassadenbild einfügen. Sie fallen auf, aber sie sind nicht geschmacklos oder grell.

Natürlich ist Geschmack subjektiv und die Gestaltung der Reklame auch angelehnt an den damaligen Zeitgeist, der auch nicht jedem über die Maßen zusagt. Aber die Strategie, ein Gesamtbild zu komponieren, dass die Optik der Fassade, und gleichzeitig der Straße, aufwertet und eben nicht zerstört, liegt allen Beispielen zugrunde. Nein, früher war nicht alles besser – aber im Vergleich zu der jüngeren Entwicklung, die daraus besteht, um jeden Preis durch Neon, Blink, und möglichst starke Kontraste herauszustechen – hält sie viele ästhetisch gelungene Gestaltungsvarianten bereit, an denen man sich zumindest orientieren kann. Und die, modern interpretiert, zu einer Aufwertung des städtischen Gesamtbildes beitragen könnten.

Das würde nämlich bedeuten, dass man die Stadt als etwas begreift, was als Lebens- und Wohnraum vielen Menschen gehört. Wir bewegen uns jeden Tag in ihr, wir sehen sie an, sie bedeutet uns etwas, wir möchten uns identifizieren und wohlfühlen. So gesehen haben wir als Bürger auch ein Recht auf die Stadt, und wenn man das weiterdenkt, auch ein Recht auf Ästhetik der Stadt. Am Ende profitiert jeder davon: Bewohner und Besucher, Gewerbetreibende und Kunden. Denn natürlich will uns die Außenwirkung der Reklame als Kunden anlocken, aber wenn sie unser Stadtbild abwertet, führt das niemanden zum Erfolg. Ein florierender Handel ist wichtig, aber eine ästhetische Stadtgestaltung eben so sehr. Denn wir sind nicht nur Konsumenten und Kunden, wir leben hier und wir möchten hier schön leben.

Zu dieser Sache kann und sollte jeder etwas beitragen. Das kann im Privaten anfangen mit ein paar Blumen im Fenster oder auf dem Balkon und im Öffentlichen mit einer ästhetischen Reklame beim Geschäft um die Ecke aufhören. Was aber auch hier wieder auffällt: ist das eine überhaupt nur privat? Und das andere nur öffentlich? Ist das Fenster nicht auch Teil des öffentlichen Raums und die Reklame Privatsache des Gewerbetreibenden? Genau da liegt das oben beschriebene Spannungsverhältnis: die Stadt ist beides zugleich – öffentlicher und privater Raum in einem nicht klar trennbaren Verhältnis. Daher rührt mit Sicherheit so manch hitzige Debatte rund um die Stadtgestaltung. Aber wichtig ist doch, dass man die Stadt als etwas denkt, in dem viele Fragmente, Gruppen, Anliegen und Sehnsüchte gelagert sind. Das bedeutet, sie bedeutet uns etwas. Und das wäre doch der erste Schritt: es darf uns nicht egal sein. Und es sollte etwas sein, was wir alle miteinander teilen. Unsere Stadt. Unsere Heimat.

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Leuchtstoffröhre: „Parkhaus“ und „Blumenhaus Nizza“

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Leuchtstoffröhre: „Mode Ortmann“ und „alte Werbung Bäckerei“

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Malerei: „Mode“ und „Sportwelt Hermanns“

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Malerei: „Rasierer kauft man im Lichthof – Electronics“ und „KIOSK“

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Malerei: „dEuro Blumencenter“ und „Metzgerei Robertz“

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Malerei: „Kontra“ und „Tropic-Center“

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Ausstecker: „Bäckerei Bereths“

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Ausstecker: „Schiller-Apotheke“ und „Blumenladen“

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Leuchtkästen: „Exquisit junge Mode“ und „Schiller-Apotheke“

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Leuchtkästen: „Gasthof“ und „Schuhservice“

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Leuchtkästen: „Fischhaus“ und „Rütten“

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Lettern: „Monforts“ und „Gerüstbau“

Text: Lara Valsamidis
Fotos: Hannah von Dahlen

Lara Valsamidis
Lara Valsamidis

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